Tim´s fantastische Welt
Es ist halb sieben und Tim sitzt wir immer gebannt vor seinem Rechner. Er guckt sich nicht etwa pornografische Bilder an, sondern er spielt World of Warcraft – kurz WoW. Dabei freut er sich heute besonders über ein ziemlich stylisches Schwert, dass er dank spielerischer Raffinesse und Geschick am gestrigen Spieltag zu einem Drittel oder sogar noch viel weniger, es war nämlich super günstig, des ursprünglichen Einkaufspreises erworben hat. Dieses lila strahlende Schwert passt sich seinem Outfit wunderbar an und ist deshalb extrem wichtig für seinen Charakter.
Momentan hat Tim einen kleinen Panzer übernommen und schießt damit willkürlich auf andere Kleine- Panzer- Fahrer. Der Sinn des Spieles ist alle anderen gnadenlos zu vernichten. Ob Tim mit seinem Mörderherz dabei Erfolg haben wird, wird sich im Laufe der nächsten Minuten zeigen. „Das ist einfach nur total bescheuert." Beteuert er und lässt sich dennoch nicht von dem irrsinnigem Spiel, ohne Ende, abbringen. „Ich mach das ja nur aus Langeweile", sagt er weiterhin und stopft dabei Schokolade in sich. Schmatzend wundert er sich über den eigentlichen Sinn des Lebens, den er eh niemals herausfinden wird.
Mit einem nervigen Tappen auf den Ball, der eigentlich mir gehört, versucht er mich aus der Ruhe zu bringen. Dabei blickt er dumm vor sich hin.
Kommen wir zurück zum wichtigsten Fakt im Leben des Tim: WoW. Eigentlich mag er dieses Spiel gar nicht mehr. Aber da er sich gerne den Zwängen einer Gruppe hingibt, lässt er sich nicht davon abhalten den banalen Handlungen in einer irren Welt nachzugehen. Eine Handlung, welche die Langeweile von Tim und seinen Mitspielern zum Ausdruck bringt, ist das sinnlose Herumhüpfen. Dieser Akt, der an einen Balztanz erinnert, wird solange vollzogen, bis die Langeweile komplett ausgetrieben ist. Danach fängt man an sich gegenseitig per Teamspeak seltsame Botschaften, wie „N.N. heuli" (zu deutsch „Need no heulen" = brauche kein weinen) zukommen zu lassen. Den genauen Inhalt zu verstehen ist sehr kompliziert und auch für geübte Hörer ein schwieriger Akt.
Zusammengefasst könnte man den Akt der Langenweile auch in verschiedene Phasen unterteilen:
Phase 1 sinnlos herumspringen
Phase 2 im Teamspeak sinnlose Kommentare abgeben
Phase 3 die Kommentare als sinnlos empfinden und seine Meinung in Schriftform zum Ausdruck bringen
Phase 4 auf dem Tisch rumgammeln und Dinge verschütten
Phase 5 sich etwas zu Essen machen (dabei im Hinterkopf haben, dass man gleich weiterspielen muss)
Phase 6 schnell wieder hoch rennen und weiter machen mit Phase 1
Nun muss man dazu sagen, dass diese Phasen bei unserem Tim ein bisschen anders ablaufen. Schließlich hat er seit 40 Tagen eine liebreizende Mitbewohnerin (meine Wenigkeit) , die ihm die lange Zeit des Wartens versüßt. Aber leider kann auch sie ihm nicht weiterhelfen, wenn er Höllenqualen durchleidet. Denn ab und zu stürzt sein PC komplett ab und dies ist bei Tim mit einem Weltuntergang gleichzusetzen. Um seinen Zorn dann abreagieren zu können, benutzt er eine seltsam quietschende Maschine. Die dabei entstehenden merkwürdigen Geräusche werden von dem furzenden Knietschen des Balls, welchen er mir gestohlen hat, übertüncht.
Mittlerweile ist es 19 Uhr. Tim sitzt immer noch gelangweilt vorm PC und wartet darauf, dass etwas spannendes passiert. Natürlich verrate ich ihm zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, dass dieses besondere Ereignis, welches er sich erhofft, niemals stattfinden wird. Lieber lausche ich den lieblichen Klängen seiner krächzenden Stimme und folge mit meinen Augen den sanften Bewegungen seines Rumpfes. Zusammen mit der quietschenden Maschine und dem knietschenden Ball ergibt dies ein beinah lächerliches Gesamtbild. Nun bedauere ich einmal mehr keine versteckte Kamera in Tim ´s Zimmer installiert zu haben.
Es ist 19:16 Uhr. Inzwischen ist Tim ´s PC mal wieder abgestürzt. Diesmal hat er sogar die Ursache für das plötzliche Ableben des Computers herausgefunden. Sobald er ein Musikvideo abspielt und wieder zu WoW wechseln will, stürzt das Wunderwerk der Technik ab. Meiner Meinung nach steckt dahinter ein tieferer Sinn. Sicherlich ist der PC es inzwischen auch schon Leid immer dasselbe zu erleben und versucht ihn nun von dem Spiel durch eiskalten Entzug weg zu bringen. Bisher war dies weniger erfolgreich, doch ich bin mir sicher, dass wir es mit vereinten Kräften schaffen werden.
Es ist 19:38Uhr. Endlich geht es los. Zunächst müssen sich alle Mitspieler an einen vorher verabredeten Ort begeben. Nachdem Tim dort angekommen ist beginnt er seine Fläschchen mit den Zaubertränken (Tim ist ein Magier) zu ordnen und vorzubereiten. Wieder herrscht Stille und die Langeweile beginnt sich zu verbreiten. Tim beginnt mit Phase 1. Seine Gildenkammeraden sind bereits bei Phase 2 und 3 angelangt. Anscheinend hat meine Anwesenheit doch Auswirkungen auf das Verhalten und Empfinden von Tim . Meine Hoffnung ihn irgendwann ganz von diesem Spiel wegzubringen, wird also bekräftigt.
Kommen wir zurück zum Spiel. Tim bzw. seine magische Figur, lässt sich auf dem Rücken eines Tigers durch den Wald tragen. Bis hin zu einer Art Burg, vor welchem sich bereits einige seiner springenden Genossen eingefunden haben. Erst jetzt entdecke ich ein mir bisher unbekannt gebliebenes Schriftstück. Nennen wir es „DIE LISTE". Auf dieser sind verschiedene Daten und Zeitangaben niedergeschrieben. Wie sich herausstellt, handelt es sich hierbei nicht um eine sinnlose Aneinanderreihung von Zahlen, sondern um die Mitschrift der Zeiten, zu welchen Tim am Spiel teilgenommen hat. Schnell kritzelt Tim einige weitere Symbole auf DIE LISTE und lässt sie sofort wieder in den tiefen Abgründen seines Schreibtischchaos verschwinden. Anscheinend handelt es sich um ein sehr wichtiges Dokument, dessen Inhalt der Welt verborgen bleiben sollte.
Wenden wir uns wieder dem Spiel zu. Vor lauter Langeweile hat sich Tim dazu entschlossen wieder durch den Wald zu rennen und ein seltsames Gebäude aufzusuchen. Vor ihm rennt ein weißhaariges Ding, mit kräftigen Oberarmen und einer schmalen Hüfte. Tim ´s Weg führt ihn durch verschiedene große Säle, deren Torbögen mit Totenköpfen verziert sind. Außerdem tropft eine giftgrüne Flüssigkeit von den Wänden. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um solche Körperausscheidungen, welche normalerweise durch die Nase abgesondert werden. Nun trifft Tim endlich wieder auf eine Gruppe anderer Verrückter. In mir erwacht der Glaube, es könnte nun bald losgehen...
Zu meiner Verwunderung habe ich gerade eine der seltsamen Botschaften des Teamspeak vernommen und wie mir scheint, auch verstanden. Man einigte sich darauf nun noch zwei Stunden weiter zu spielen. Wobei mir gerade etwas schleierhaft ist in wiefern man das bisherige Rumgehüpfe als spielen bezeichnen kann.
Es ist fast 20 Uhr und es ist immer noch nichts weltbewegendes passiert. Ich denke, dass selbst der fanatische Tim mir dabei zustimmen würde.
Inzwischen sind wir so weit, dass per Teamspeak die Anwesenheit verschiedener Gildenmitglieder überprüft wird. Mir scheint, als würde man die seltsame Aneinanderreihung von Silben per Teamspeak nach einer Weile verstehen. Diese scheinbar hochkomplexe Sprache ist für aufmerksame Zuhörer also recht schnell zu erlernen.
Zwei Minuten nach 20 Uhr. Ein erster Befehl ertönt durch die heiligen Hallen des Teamspeak. „Bitte alle nach hinten und so wenig wie möglich reden!" Ich glaube nun wird es endlich beginnen. Man erläutert die Vorgehensweise und gibt letzte Tipps. Die Gruppe hat sich zurückgezogen und versammelt. Vor ihnen steht der Boss. Ein großes, haariges Etwas. Ein letzter Befehl: „Vollste Konzentration." Und es geht los.
Verschiedenfarbige Lichtblitze treffen auf den Boss ein. Er schlägt um sich. Nacheinander werden nun die Gruppen 1 bis 5 aufgerufen. Mit Feuerbällen bewaffnet bahnt Tim sich den Weg. Wenn man nun seinen Blick weg von der spannenden Handlung auf dem Bildschirm wendet, sieht man wenig Spektakuläres. Tim tippt ununterbrochen auf einer Taste herum und starrt dabei gebannt auf den PC. Es scheint als wäre er in einer anderen Welt. Er ist hochkonzentriert und vermutlich auch nicht ansprechbar. Er beginnt zu stöhnen. Seufzen. Der Hoffnungsschimmer in seinen Augen verliert sich langsam. Man rechnet damit zu verlieren. „Boahr das reicht nicht!" und ein leiser Seufzer sind die letzten Worte, welche Tim über die Lippen gehen, bevor auf dem Bildschirm ein unbarmherziger Schriftzug erscheint. „Ihr seid gestorben." Heißt es und nun sind alle Hoffnungen zerstört. Es ist 20:11 Uhr. So eben wurden wir Zeuge eines 9 Minuten andauernden Spektakels, welches zwei Stunden Vorbereitung benötigte. Da stellt sich einem doch wirklich die Frage nach dem eigentlichen Sinn des Spieles und nicht die, nach dem Sinn des Lebens. Schließlich sollte man durch ein Spiel doch unterhalten und befriedigt werden und nicht gelangweilt. Da hat das Leben an sich mehr zu bieten.
Aber zurück zu WoW. Man hat beschlossen sich einem anderen Boss zu stellen. Dieser sieht dem ersten zwar äußerlich ziemlich ähnlich, hat aber einen anderen Namen und ist somit natürlich auch völlig anders. Wieder versammelt man sich in einer Gruppe. Die Spieler der Gilden scheinen Herdentiere zu sein oder sie beugen sich nur einfach dem Gruppenzwang.
Erneut ertönt die mir inzwischen bekannte Stimmte: „Wie lang braucht ihr noch?" Wir werden von einem störenden Türklingeln unterbrochen. Schwermütig trennt sich Tim von meinem Ball und öffnet die Tür. Es ist MZ. Stolz präsentiert Tim sein großes, lila schimmerndes Schwert. MZ scheint davon wenig begeistert und befeuchtet den Boden.
Völlig abgelenkt von den mich umgebenden Ereignissen verpasse ich fast Tim ´s große Siegesstunde. Doch der Triumph über zwei untere Bosse ist nur von kurzer Dauer. Der Maintank-Shooti ist gestorben. Unmut macht sich breit. Die verstorbenen Gildenbrüder beginnen wieder damit einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen, dem Umherrennen. Derweil gönne ich mir eine kleine Versorgungspause. Als ich wiederkomme finde ich einen kleinen, verstörten Tim wieder. Es schmerzt mir in der Seele, als er mir von seinem tragischen Tod erzählt. Doch die Trauer legt sich schon bald wieder. Beim dritten Angriff zeigen sich endlich die unglaublichen Fähigkeiten, welche in Tim stecken. Von diesem Moment an besteht kein Zweifel mehr: Tim ist IMBA.
Um 21:10 Uhr endlich die frohe Botschaft: Nach dem dritten Anlauf hat man den Boss endlich besiegt. Die Stimmung steigt und alle sind glücklich.
Welch schönes Happy End!
Dienstag, 9. Januar 2007
Tim´s fantastische Welt
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